Magath, Streich und ein tanzender Neururer: Makiadi über seine prägendsten Trainer
Als Aktiver lief Cédric Makiadi über 250-mal in der ersten und zweiten Bundesliga auf und wurde unter anderem Torschützenkönig im deutschen Unterhaus. Mittlerweile hat der 42-Jährige den Weg als Trainer eingeschlagen und betreut derzeit die U19 von Werder Bremen. Bei Transfermarkt blickt er auf seine Karriere zurück und erklärt, warum er Trainer geworden ist.
Update: Am Mittwoch verkündete Werder, dass Makiadi künftig für die Regionalliga-Mannschaft der Bremer verantwortlich sein wird. „Cédric steht exemplarisch für unseren Ansatz, dass wir bei Werder Bremen neben Spielern auch Trainer ausbilden wollen“, erklärte Sportchef Clemens Fritz. „Er hat nicht nur durch den Gewinn des DFB-Pokals in der U19 nachgewiesen, dass er Spieler individuell entwickeln und gleichzeitig eine Mannschaft erfolgreich führen kann. Einige Akteure, an deren Werdegang er mitgewirkt hat, befinden sich nun in unserem Bundesliga-Kader. Er wird seine fachlichen und menschlichen Stärken künftig in unserer höchsten Nachwuchsmannschaft einbringen.“ Die U19 wird Björn Bremermann übernehmen.
„Für mich ist der Fußball der schönste Sport auf der Welt. Ich glaube, es gibt keine Sportart, die so viele unterschiedliche Emotionen, aber auch gleichzeitig Menschen, vereint. Mein Antrieb ist es, durch meine Arbeit einen Beitrag zu leisten, dass die jungen Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, ihre persönlichen Ziele erreichen. Ich finde, das ist ein schöner persönlicher Antrieb“, beschreibt Makiadi seine Motivation.
Wenn er mit den U19-Spielern von Werder über den Profifußball spricht, wissen die Youngster, dass er das geschafft hat, wovon sie alle träumen: den Weg in die Bundesliga. 225 Partien bestritt er dort. Sein vielleicht wichtigstes Tor der Karriere erzielte er vor 20 Jahren am 13. Mai 2006, als er mit einem Treffer und einer Vorlage seinen damaligen Verein, den VfL Wolfsburg, beim 2:2 gegen den 1. FC Kaiserslautern vor dem Abstieg in die 2. Bundesliga rettete.

„Ich weiß noch, dass ich eigentlich auf dem Weg zur Toilette war und Klaus Augenthaler zu mir meinte, ich soll mich beeilen, weil ich reinkommen soll. Das Spiel war ein klassisches Do-oder-Die-Spiel. Die gesamte Woche hat man die Anspannung und Nervosität gespürt. Nach dem Tor habe ich mir vor Freude das Trikot vom Körper gerissen, weil so viel Druck abgefallen war, und nach dem Spiel wurde ich von meinen Mitspielern auf den Schultern getragen. Solche Bilder und die entsprechenden Emotionen vergisst man nicht. Ich drücke natürlich die Daumen, dass der VfL es in dieser Saison erneut schafft und in der Bundesliga bleibt“, betont Makiadi.
„Magath hat mir gezeigt, dass der Körper zu mehr imstande ist, als man denkt“
Die Wölfe, die über die Relegation die Klasse halten wollen, waren für Makiadi der Beginn seiner Bundesliga-Laufbahn. 59 Partien absolvierte er für sie. Während seiner drei Jahre beim VfL trainierte er unter Chefcoaches, die damals den Fußball mitprägten: der bereits erwähnte Augenthaler sowie Eric Gerets, Holger Fach und Felix Magath. „Von Eric Gerets und Klaus Augenthaler habe ich viel lernen dürfen. Eric hat mir als junger Spieler das Vertrauen geschenkt. Klaus war ein Trainer der alten Schule, hatte aber eine sehr menschliche Seite und war bei Problemen oder Fragen immer für einen da“, erzählt Makiadi, der dagegen bei Magath kurz durchschnaufen muss.
„Felix Magath war halt Felix Magath. Die Trainingseinheiten waren sehr hart. Ich erinnere mich, dass es für die Spieler, die nicht im Kader waren, anstatt einer Trainingseinheit auf dem Platz eine Einheit durch den Wald gab. Eine Einheit, die durchaus mal 10 Kilometer dauern konnte. Die Zirkeleinheiten waren auch brutal. Es gab Situationen, da lag ich minutenlag mit Krämpfen auf dem Boden. Ein Spieler hat den Medizinball beim Hochwerfen komplett ins Gesicht bekommen, weil er zu kaputt war, den Ball zu fangen. Felix Magath hat mir gezeigt, dass der Körper zu mehr imstande ist, als man denkt – dafür bin ich ihm dankbar. Jedoch gab es auch viele Situationen, mit denen ich als Trainer anders umgegangen wäre. Ich kann mir vorstellen, dass der damalige Felix Magath es mit der heutigen Generation nicht so leicht gehabt hätte. Die heutigen Trainer müssen den Menschen mehr abholen.“
Makiadi zieht weiter zum MSV Duisburg und SC Freiburg – Streich sein bester Trainer
Nachdem der Kongolese unter Magath nicht zum Zug kam, entschied er sich für eine Leihe zum damaligen Zweitligisten MSV Duisburg und startete dort sofort durch. Am 5. Spieltag erzielte er für seinen neuen Klub einen Hattrick, und am Ende der Saison stand der Titel als Torschützenkönig zu Buche. Mitverantwortlich für diesen Erfolg: die damaligen Trainer Rudi Bommer und Peter Neururer. „Unter Rudi Bommer und später Peter Neururer habe ich den Spaß am Fußball wiedergefunden. Peter war ein extrem cooler Typ, der immer einen Spruch auf den Lippen hatte. Nach den Siegen hat er in der Kabine seine speziellen Tänze aufgeführt und die Mannschaft hat getobt“, erzählt Makiadi mit einem Lachen.
Nach seiner Leihe zum MSV ging es für ihn per festem Wechsel weiter zum SC Freiburg. Im Breisgau folgte die Umschulung von einem offensiv denkenden Mittelfeldspieler zu einem Sechser. Sein damaliger Trainer Robin Dutt erkannte Makiadis Qualitäten im Spielverständnis, in der Zweikampfstärke und Schnelligkeit und funktionierte ihn um. „Ich hätte auch wieder zurück nach Wolfsburg gehen können. Armin Veh wollte mich unbedingt zurückhaben, aber ich war fest davon entschlossen, einen Neuanfang zu wagen. Vom ersten Tag an habe ich mich beim Sport-Club wohlgefühlt. Die Umschulung war für mich nicht so schwierig, weil ich den Fußball eher mit strategischem Denken gesehen habe. Ich war immer in der Lage, das Spiel zu lesen, zudem konnte ich auch auf der Position meine kreativen Gedanken ins Spiel bringen. Anfangs habe ich mich dennoch falsch positioniert und wollte häufiger mit nach vorne rücken“, blickt er schmunzelnd zurück.
Bei der Frage nach seinem besten Trainer gibt es für Makiadi nur einen Namen: Christian Streich. Unter dem 60-Jährigen war er auch zwischenzeitlich Kapitän. „Wenn man Christian in einem Satz beschreiben müsste, dann so: Er ist ein charakterlich feiner Kerl mit einem großen Herzen. Neben der großen fachlichen Kompetenz hat ihn eine Sache ausgezeichnet: Er konnte zuhören. Er wusste immer, was die Mannschaft und was die einzelnen Spieler bewegt und war kompromissbereit.“
Passend dazu schildert er eine besondere Situation: „Wir spielten damals gegen Bayern und ein gewisser Toni Kroos machte uns allen das Leben schwer. In der Halbzeitpause sagten wir als Mannschaft Christian, dass wir die Taktik umstellen müssen. Anstatt zu meckern oder es zu ignorieren, sagte er nur: ‚Jungs, dann macht das so.' Am Ende haben wir 0:0 gegen die Bayern gespielt und Kroos aus dem Spiel genommen“, berichtet Makiadi, der insgesamt 50-mal unter Streich zum Einsatz kam und sich auch an eine lustige Situation mit ihm erinnert.
„Christian war als Trainer so, wie man ihn als Fan wahrgenommen hat – emotional und authentisch. Ich erinnere mich, wie er in einem Spiel bestimmt zehn- oder 20-mal versucht hat, Jonathan Schmid, der sich scheinbar falsch positioniert hat, zu erreichen, und schrie ständig: ‚Johnny, Johnny‘. In der Halbzeit machte er Johnny dann ein wenig rund und sagte bloß: ‚Johnny, ich war kurz davor, auf den Platz zu laufen und dich zu packen.‘ Und bei Christian wusste man, der hätte das so durchgezogen.“
Für die Freiburger absolvierte der 42-Jährigen die meisten Spiele seiner Karriere mit 138, deswegen verwundert es auch nicht, dass er seinen Ex-Klub immer noch im Blick hat. „Ich drücke ganz fest die Daumen für das Europa-League-Finale gegen Aston Villa. Für mich kommt der Erfolg nicht überraschend, denn mit Julian Schuster haben sie einen Top-Trainer. ‚Schusti‘ war als Profi nicht der schnellste und auch nicht der beste Spieler, aber er war mit dem Kopf allen voraus. Die Spielweise und die Entwicklung der Mannschaft wundert mich entsprechend nicht.“
Makiadi über Erlebnisse mit Kongos Nationalteam und Nordderbys gegen den HSV
Prägende Erinnerungen sammelte Makiadi auf auch internationaler Ebene für die kongolesische Nationalmannschaft. Mit den Leoparden rückte er beim Afrika-Cup 2015 bis ins Halbfinale vor und holte am Ende mit seinem Team Platz drei. „Der Afrika-Cup hat für den gesamten afrikanischen Kontinent einen enormen Stellenwert, einen größeren Stellenwert als die Europameisterschaft für Europa. In diesen Wochen vergessen die Menschen, die sonst schauen müssen, wie sie überleben, ihre tagtäglichen Sorgen, Ängste und Nöte. Die Nation, die den Cup gewinnt, verschafft ihrer Bevölkerung einen Booster. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn bei der anstehenden Weltmeisterschaft eine afrikanische Mannschaft für Furore sorgen würde.“
Rückblickend absolute Highlights waren für ihn auch die Nordderbys im Werder-Trikot gegen den HSV. „Ein Derby mit Worten zu beschreiben, ist schwierig, man muss es erlebt haben. Bereits eine Woche vor dem Spiel merkst du, wie die Stadt anfängt zu brennen. Es knistert, alle sind elektrisiert, alle fiebern auf den Spieltag hin. Du hast als Spieler das Gefühl, du wirst von Tag zu Tag aufgeladen, und am Spieltag brennst du für deinen Verein. Und wenn du das Derby gewinnst, bist du auch mal etwas länger unterwegs und am nächsten Tag trotzdem pünktlich um 9 Uhr beim Training“, erzählt der Ex-Profi mit einem Lachen.
Makiadi spricht über seine Arbeit als Jugendcoach bei Werder Bremen
Nach der aktiven Karriere war für Makiadi klar, dass er seine Erfahrungen an den Nachwuchs weitergeben möchte, weswegen er eine Trainerlaufbahn im Jugendbereich einschlug. Seit 2018 betreut er bei Werder Bremen verschiedene U-Teams. Dabei hat er eine klare Vorstellung, wie eine gute Talentförderung auszusehen hat. „Fußball ist in erster Linie ein Playersgame. Wir Trainer agieren im Hintergrund und das ist auch richtig. Der Spieler muss dabei aufgezeigt bekommen, wo und wie er sich entwickelt. Sei es im Training, in Einzelgesprächen oder innerhalb der Videoanalyse. Wenn er die Vision, wo er einmal landen kann, verinnerlicht hat, sind ihm keine Grenzen gesetzt.“
Seine Arbeit basiert auf klaren Prinzipien und Werten, um nachhaltig Authentizität und Vertrauen aufzubauen. „Alles steht und fällt mit Respekt und Demut. Als Trainer ist es auch meine Pflicht, den Jungs gesellschaftliche Aspekte näherzubringen“, so Makiadi, der dies anhand eines Beispiels erklärt: „Ich hatte vor einiger Zeit mit einer meiner Mannschaften die Situation, dass die Jungs die Kabine nicht aufgeräumt hinterlassen haben. Unsere Reinigungskraft hat die Kabine zwar anschließend gesäubert, aber so wollen wir uns nicht präsentieren. Also hat jeder meiner Spieler einen Betrag in die Mannschaftskasse werfen müssen, und von dem Geld haben wir unserer Reinigungskraft ein schönes Geschenk gekauft. Ich will, dass wir jedem mit Respekt begegnen, denn wenn wir gleichgültig mit etwas umgehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir so auch auf dem Platz agieren.“
Dass er den richtigen Ton bei seiner Mannschaft trifft, hat er unter Beweis gestellt. Im vergangenen Jahr wurde er mit der U19 Pokalsieger. „In der heutigen Zeit ist die Beziehungsebene elementar für Erfolg oder eben keinen Erfolg. Die heutigen Jugendlichen haben abseits ihres Traums vom Profifußball mit vielen täglichen Herausforderungen zu kämpfen, wie die Schule oder die erste Freundin. Hier ist es wichtig, als Trainer die richtige Balance zu finden. Balance heißt in diesem Fall, dass ich während der Einheiten und Spiele eine Distanz zu meinen Spielern wahre und mich nur als Trainer sehe. Vor und nach dem Training sehe ich mich aber als väterlichen Freund, der für die möglichen Sorgen und Ängste der Jungs da ist“, so Makiadi.
Aktuell absolviert er zusammen mit ehemaligen Profis wie Uwe Möhrle oder Paul Freier, aber auch dem Ex-Trainer des VfL Wolfsburg, Daniel Bauer, den DFB-Pro-Lizenz-Lehrgang. „Dieser Kurs ist extrem wertvoll aufgrund der spannenden Module. Als Trainer sehe ich mich in gewisser Weise auch als eine Art Koch. Ich habe ein Rezept bereits im Kopf, aber durch die neuen Eindrücke und Einflüsse können die Zutaten für das Rezept nochmal variieren. Im Nachwuchsfußball ist mir wichtig, dass wir den Fokus auf die individuelle Entwicklung der einzelnen Spieler und damit der gesamten Mannschaft legen“, sagt Makiadi zum Abschluss.
Text und Interview: Henrik Stadnischenko
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