Das Unmögliche möglich gemacht: Blumauer-Statistik endet – „Konnte es nicht glauben“
Der erhobene Zeigefinger, den er über seine Lippen legte, war ein Fingerzeig mit Bedeutung: „Tatsächlich war das auch so ein bisschen an Lion gerichtet, dass die Jungs jetzt endlich mal ruhig sein können“, huschte Colin Blumauer ein ganz breites Grinsen übers Gesicht – und sprach damit auf Lion Mandelkau an. „Vor ungefähr vier Wochen hat Lion mir an einem normalen Arbeitstag aus dem Nichts eine Statistik zugeschickt, von der ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Seitdem haben die Jungs mich damit immer aufgezogen“, verriet der beinharte Innenverteidiger des USC Paloma. Doch um welche Statistik ging es im Detail?
„Ich habe ja schon weit über 100 Oberliga-Spiele – und trotzdem stand da immer noch die Null“, war Blumauer bis dato lediglich im Pokal-Wettbewerb ein Torerfolg vergönnt. Aber eben nicht in der Hamburger Fußball-Beletage, wo der 29-Jährige bis dato 123 Partien zu Buche stehen hatte, aber eben noch ohne einen eigenen Treffer war. Gemeint war also die Torlos-Statistik der Oberliga auf Transfermarkt, wo Blumauer mit 11.070 torlosen Minuten auf Platz vier der ewigen Bestenliste weilte. Bis jetzt! „Die Statistik war tatsächlich sehr präsent“, gestand der Linksfuß – und beendete seine jahrelange Flaute.

Die irre Torlos-Statistik von Colin Blumauer hat ein Ende gefunden. Archivfoto: noveski.com
"Konnte es gar nicht glauben, als der Ball hinten reinfiel"
In der 21. Minute des Heimspiels gegen den TSV Buchholz 08 (alle Highlights im LIVE-Ticker) ließ Blumauer eine Ecke von Can Topcu am ersten Pfosten über den Scheitel ins lange Eck gleiten – 1:0! „Ich konnte es gar nicht glauben, als der Ball hinten reinfiel“, scherzte der Schütze zum wichtigen Führungstor, auf den der Druck immer größer wurde. „Jetzt hatte sogar ‚Meister‘ (Tom Burmeister, Anm. d. Red.) schon getroffen, so dass es einfach mal an der Zeit war. Ich muss jetzt zwar eine Kiste spendieren, aber das mache ich in dem Fall sehr gerne“, gab Blumauer zu Protokoll – und verschwand gen Mannschaftskreis, wo er bereits sehnsüchtig von seinen Teamkollegen erwartet wurde.
Niemann witzelt, Buchholz leblos
„Heute machen selbst die unmöglichsten Leute Tore – das ist deine Chance“, witzelte Palomas Kapitän Moritz Niemann – in Anlehnung an Blumauers Tor-Premiere – in Richtung Allan Muto bei dessen Einwechslung. Der von einem Kreuzbandriss genesene Sommer-Neuzugang trug sich am Ende zwar nicht in die Riege der Torschützen ein, aber nahezu jeder Uhlenhorster Akteur durfte gegen einen erschreckend schwachen und nahezu wehrlosen Gegner mal sein Glück versuchen. So regungslos, fast schon teilnahmslos die Bank der Nordheider das Geschehen zur Kenntnis nahm, so lethargisch und apathisch präsentierten sich die 08er am Sonntagvormittag an der Brucknerstraße. Ein harmloses Torschüsschen von Phil Wyludda (63.), aber keine einzige Torchance in 90 Minuten war die erschütternde Ausbeute.

Nach einem Kreuzbandriss zurück in Aktion: Palomas Allan Muto (2. v. li.). Foto: Christoph Hellwig/USC Paloma
Adjei veredelt super Stafette, Topcu setzt Freistoß in den Knick
Noch vor der Pause erzielte Quincy Adjei nach einer Bilderbuch-Stafette über Niemann und Lennart Keßner per Chip über Lasse Lader hinweg das schon längst überfällige 2:0 (42.). Und obwohl das gefährlichste aller Ergebnisse im Fußball lange Bestand hatte, weil Paloma mit seinen zahlreichen Möglichkeiten zu verschwenderisch umging, und Buchholz mit einem Tor wieder voll im Spiel drin gewesen wäre, kam zu keiner Sekunde irgendein Zweifel am Sieg der „Tauben“ auf, weil die Nordheider an Harmlosigkeit nicht zu überbieten waren. Der von Jonas Fritz gefoulte Topcu sorgte aber mit einem traumhaften 20-Meter-Freistoß ins linke Kreuzeck für die endgültige Entscheidung in einer Begegnung, die längst entschieden war.
Und der omnipräsente Topcu hatte noch nicht genug, weil die 08er ordentlich mithalfen. Keeper Lader spielte flach in den Fuß des 24-Jährigen, der prompt für Michel Blunck weiterleitete. Aus 22 Metern war der Joker mit dem linken Innenpfosten im Bunde – 4:0 (87.). Schwindelig dürfte den Behrens-Boys noch immer sein – auch und vor allem nach dem letzten Angriff der Hausherren. Blumauer als Initiator am eigenen Sechzehner – und dann ging es im One-Touch-Stil über die Stationen Topcu, Blunck, Niemann und Felix Spranger vor des Gegners Gehäuse, wo der bis dato im Abschluss unglückliche Keßner mit einem Beinschuss den Schlusspunkt setzte (89.)!

Michel Blunck (li.) - hier gegen Jonas Fritz - erzielte nach seiner Einwechslung per Distanzschuss das 4:0. Foto: Christoph Hellwig/USC Paloma
"Von Eins bis Elf nicht gereicht, um Oberliga-tauglich zu sein"
Kaum zu glauben: Für Paloma war das erst der zweite Heimsieg in den letzten 60 (!) Jahren gegen den bisherigen Angstgegner, um den einen angesichts der (Nicht-)Leistung eher angst und bange werden konnte. „Wir sind natürlich hergekommen, um Paloma das Leben möglichst schwer zu machen, was uns in den letzten Jahren deutlich besser gelungen ist als heute“, drückte sich Buchholz-Coach Christoph Behrens noch recht zurückhaltend aus – und wurde dann doch etwas deutlicher: „Mit dem 0:2 sind wir noch relativ glücklich in die Halbzeit gekommen. Es hätte schon deutlich höher stehen können.“ Auch das Endergebnis „spiegelt leider den Spielverlauf gut wider“, weil: „Bei uns hat es von Eins bis Elf nicht gereicht, um Oberliga-tauglich Fußball zu Spielen. Das ist schon enttäuschend.“
"Wenn es nicht so läuft, ist man eher ruhiger"
Enttäuschend war auch der nahezu leblose Auftritt – sowohl auf als auch abseits des Platzes. „Das haben wir relativ häufig: Wenn wir selbst wenig gute Situationen im Spiel haben, dass wir es dann manchmal nicht hinbekommen, in diese Kommunikation reinzukommen, um sich gegenseitig zu pushen. Das hat komplett gefehlt. Ich sage jetzt einfach mal, dass es an der Anstoßzeit gelegen hat. Wobei das auch zu einfach wäre. Da können wir sicherlich noch dran arbeiten. Aber man kennt es vielleicht auch von sich selbst: Wenn es nicht so läuft, ist man eher ruhiger.“

Erst im Abschlusspech, dann mit dem Schlusspunkt: Lennart Keßner (li.). Foto: Christoph Hellwig/USC Paloma
Nitsch sieht "beste Saisonleistung"
Und letztendlich waren die Gäste mit dem Ergebnis sogar noch gut bedient, denn der USC hatte ein Manko: Die Chancenverwertung. Ansonsten sah Marius Nitsch „die beste Saisonleistung“ seiner Equipe und eine „sehr souveräne, sehr reife und erwachsene“ Darbietung von seinen Mannen, die dazu noch „ehr spielfreudig und kreativ“ waren und in Person von Grundmann „nicht einen Ball halten“ mussten. „Das ist schon außergewöhnlich“, lobte Nitsch sein Team, dass bis zum Schlusspfiff „Bock hatte, Tore zu schießen – da muss ich den Jungs ein Kompliment für aussprechen“. Zumal man „auch aus der Vergangenheit gewarnt war“ – aber: „Langsam können wir den ‚Angstgegner‘ aus den Köpfen streichen“, erinnerte er auch an den Auswärtssieg aus der Vorsaison an der „OKK“.
"Eigentlich darf er bei Standards schon gar nicht mehr mit nach vorne"
Doch das Thema des Tages war die erste Oberliga-Bude von Colin Blumauer mit Köpfchen. „Eigentlich darf er bei Standards häufig schon gar nicht mehr mit nach vorne“, so Nitsch mit einem Augenzwinkern, ehe er erklärte: „Das war oft ein Thema im Training oder in der Kabine, dass er der ungefährlichste Spieler ist, den es seit Jahren gegeben hat. Das werden wir uns jetzt wochenlang anhören dürfen“, hatte Nitsch gut lachen – und meinte abschließend: „Er ist ein wichtiger Spieler für uns und wir freuen uns, dass das Thema jetzt vom Tisch ist.“
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