BVB-Präsident über Kader & Kehl-Aus
Watzke wünscht sich Unterschiedsspieler – Ricken und Cramer „müssen in Kampf ziehen“
©IMAGO
Seit fünf Monaten ist Hans-Joachim Watzke Präsident von Borussia Dortmund. Damit ist der 66-Jährige nicht mehr für das operative Geschäft der Schwarz-Gelben verantwortlich. Eine Meinung hat er aber trotzdem dazu, die er im Interview mit den „Ruhr Nachrichten“ kundtat und unter anderem über den Kader, Trainer Niko Kovac, die Trennung von Sportdirektor Sebastian Kehl und die anstehende WM sprach.
Der BVB dürfte in dieser Saison Zweiter in der Bundesliga werden. 19 Siege, sieben Remis und drei Niederlagen stehen bislang zu Buche. Besonders auffällig: Die Anzahl an Spielen ohne Gegentor. Mit 13 Weißen Westen führt Gregor Kobel die Rangliste der Torhüter mit den meisten Zu-Null-Partien an. „Aus der Sicht des Beobachters glaube ich, dass wir an Mentalität enorm gewonnen haben. Das merkt man auch – wir bäumen uns auf. Aber natürlich können wir uns noch weiterentwickeln. Dafür brauchst du aber über einen längeren Zeitraum eine Mannschaft, die zusammenspielt, damit du mehr Automatismen entwickeln kannst – im Positionsspiel und bei ähnlichen Dingen.“
Mit einem Altersschnitt von 26,3 Jahren hat der BVB derzeit die siebtälteste Mannschaft der Liga, Routiniers wie Julian Brandt (30), Niklas Süle (30) und Salih Özcan (28) gehen jedoch im Sommer. Watzke glaubt daher, dass „ein bisschen mehr Erfahrung“ das Team bereichern würde. „Und, das ist sicherlich das, was ihr euch alle wünscht, noch ein, zwei Spieler, die den Unterschied machen, weshalb du dann am Ende vielleicht doch sagst: ‚Oh mein Gott, was war das heute für ein wunderbarer Hackentrick.‘ Mich hat das früher nicht interessiert, ob da eine Hacke dabei war oder ob einer den Ball irgendwie über die Linie gedrückt hat. Aber ich verstehe, dass das heute ein bisschen anders ist. Also ein, zwei Spieler, bei denen die Leute sagen: ‚Oh, das war wie Marco Reus in seinen besten Zeiten‘ – das würde uns auch noch ganz guttun. Aber es ist schwierig.“
Es wird eine finanzielle Herausforderung für den neuen Sportdirektor Ole Book, solche Kaliber, wie einst Erling Haaland oder Jude Bellingham nach Dortmund zu holen. „Das ist wirklich die schwierigste Aufgabe“, betonte auch Watzke. Auch Jadon Sancho erlebte im BVB-Trikot einst seinen Durchbruch. Einmal kam der Flügelstürmer schon per Leihe wieder, über eine dauerhafte Rückkehr soll derzeit in der Führungsetage diskutiert werden. „Wie Lars (Ricken, Anm. d. Red.) es gesagt hat: Wir prüfen, ob Spieler uns besser machen. Auch bei Jadon. Er spielt aktuell wieder mehr und besser. Und er ist im Sommer ablösefrei. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis wäre sicherlich nicht das Schlechteste. Das entscheidet aber die sportliche Führung.“
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Watzke: BVB-Trainer Kovac „hat sich enorm entwickelt in den Jahren“
Einen großen Anteil an der über weite Teile souveränen Saison hat Kovac. Im Schnitt holte der 54-Jährige in bislang 67 Partien 1,99 Punkte – damit ist er auf einem vergleichbaren Level mit Edin Terzic und Lucien Favre. „Niko ist jemand, der speziell in dem schwierigen letzten Jahr das Ganze deutlich stabilisiert hat. Da hat es ja manches Feuerchen gegeben, wo mancher Trainer, der im Leben noch nicht so viel erlebt hat, noch einmal reingeblasen hätte. Und Niko hat die Feuerchen alle ausgetreten und ist komplett seriös damit umgegangen“, lobte Watzke: „Ich kenne ihn ja schon viele Jahre: Er hat sich enorm entwickelt in den Jahren. Er war immer ein intelligenter Typ – und jetzt hat er die richtige Mischung gefunden: Respekt gegenüber den Spielern, aber auch die Fähigkeit, die Spieler mitzunehmen und ihnen gleichzeitig als Trainer etwas zu geben. Das klappt sehr gut. Die Punkteausbeute in der Bundesliga spricht da für sich.“
Kritischere Töne gibt es ab und zu nur für den Stil, den der Kroate spielen lässt. Watzke sieht das aber pragmatisch: „Man muss einfach erkennen: Niko wählt den Ansatz, der ihm für den Erfolg am zwingendsten erscheint. Wenn er das Gefühl hat, dass es ein defensiverer Ansatz sein muss, dann wählt er den. Ich bin verliebt in Zu-Null-Spiele. Wir haben jetzt 13-mal zu null gespielt – das ist für mich das Schönste. Für mich ist jedes Gegentor, speziell auswärts, ein Einschlag. Ich kann das in meinem Körper richtig spüren. Am Ende geht es mir mit einem 1:0 oder 2:0, das vielleicht spielerisch nicht auf dem allerhöchsten Niveau war, am nächsten Tag viel besser, als wenn ich hier 4:4 spiele. Im Fußball geht es ums Gewinnen – und um nichts anderes. Natürlich willst du unterhalten werden, aber fragen Sie mal die Leute, die hier aus dem Signal Iduna Park rausgehen: Was wollt ihr eigentlich lieber – ein brillantes 3:3 oder ein knappes, aber souveränes 1:0? Ich sage Ihnen: 80 Prozent gehen zufrieden nach Hause.“
Watzke über Kehl-Aus: „Froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen musste“
Ein Thema, das für Schlagzeilen in den letzten Wochen sorgte, was das Aus von Kehl. Seit 2018 war er nach Ende seiner aktiven Laufbahn in verschiedenen Positionen beim BVB gewesen. Zuerst war er Leiter des Lizenzbereichs, ab 2022 stieg er zum Sportdirektor auf. Watzke war damals dafür zuständig. „Ich war froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen musste. Als Lars Ricken und Carsten Cramer mich recht kurzfristig ins Bild gesetzt haben, wie ihre Überlegungen sind, da habe ich gesagt: ‚Okay, das klingt schon plausibel, aber ihr müsst die Entscheidung treffen‘“, so Watzke, der sich aus der Personalie aber grundsätzlich heraushielt.
Watzke weiter: „Sie haben mir auch angeboten, mich mal im Vorfeld mit Ole Book zu treffen. Das wollte ich nicht, ich wollte ihre Meinung nicht zerschießen oder bestärken. ‚Ihr seid hier die Geschäftsführung. Ihr müsst die Entscheidung treffen.‘ Das haben sie akzeptiert. Ich war froh, diese Entscheidung in Richtung Sebastian Kehl nicht treffen zu müssen, weil ich natürlich am längsten mit ihm zusammengearbeitet habe von allen Amtsträgern. Wir sind 21 Jahre den Weg zusammen gegangen. Es war für mich schon schwer genug, dann an dem Sonntag mit ihm zu telefonieren.“
Ricken, der in der Geschäftsführung den Platz von Watzke übernahm, stellt der 66-Jährige bisher ein gutes Zeugnis aus. „Lars hat in diesen noch nicht mal zwei Jahren schon relativ klare und harte Entscheidung getroffen. Es wird immer so getan, als wenn er sich scheuen würde. Aber er hat Nuri Şahin entlassen und dann mit Niko Kovac komplett die richtige Entscheidung getroffen. Das muss man auch mal festhalten. Und jetzt hat er die nächste harte Entscheidung getroffen.“ Watzke unterstrich zudem: „Was für mich wichtig ist: Lars ist korrekt, Lars ist anständig. Natürlich muss man uns als Borussia Dortmund auch hören. Wir dürfen nicht zu leise werden. Wir müssen als Borussia Dortmund, an vorderster Front dann Carsten Cramer und Lars Ricken, die müssen schon auch mal in den Kampf ziehen. Manchmal musst du auch ein bisschen breitbeiniger auftreten, damit alle anderen ein gewisses Maß an Respekt vor dir haben.“
Watzke: „Keine überschäumende Freude“ vor WM-Start
Bei Watzke als DFB-Vizepräsident mag angesichts gesellschaftlicher und politischer Themen keine rechte WM-Stimmung aufkommen. Dem Nationalteam traut Watzke aber zu, „viel erreichen“ zu können. Knapp zwei Monate vor dem Start der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko hat er aber noch gemischte Gefühle. „Ich hatte mich wirklich extrem darauf gefreut“, so Watzke: „Durch die ganzen Umstände empfinde ich jetzt aber keine überschäumende Freude.“
Wegen der umstrittenen Politik von US-Präsident Donald Trump und des Iran-Krieges hatte es zuletzt immer mal wieder Forderungen nach einem WM-Boykott gegeben. Davon hält der Multi-Funktionär nichts. „Wenn wir klug sind, dann überlassen wir die politischen Bewertungen den Politikern und konzentrieren uns auf den Sport. Denn der Sport hat auch eine Aufgabe: Menschen zusammenzuführen – auch über Landesgrenzen hinweg“, sagte Watzke, der auch Ligapräsident der Deutschen Fußball Liga ist. Er erhoffe sich von Fans, die in die USA reisen einen „Austausch“ mit den US-Bürgern. „Und vielleicht merken die Menschen dort auch, dass es hier Leute gibt, die sich Sorgen um die USA machen.“
Deutschland gehöre sportlich zwar „sicherlich nicht zu den zwei oder drei absoluten Top-Favoriten“. Aber das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann sei „in der Gruppe der Mannschaften, die sich innerhalb eines Turniers in einen Flow spielen und dann auch viel erreichen können. Wir haben eine sehr ordentliche Mannschaft“. Mit einem Kaderwert von 773,5 Millionen Euro ist das DFB-Team aktuell die siebtwertvollste Nationalmannschaft.
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