Schmids Abenteuer Malaysia, Neuseeland & Ghana – Fußball als „meistgesprochener Dialekt“
In der Schweiz daheim, in der Welt zuhause. Ein Satz, der für Fritz Schmid mehr als eine Floskel ist. Seit Jahrzehnten hat er sich dem Fußball verschrieben – nicht nur als Trainer, sondern als Botschafter des Spiels in Kulturen, die sich mitunter stark voneinander unterscheiden. Malaysia, Neuseeland und Ghana stehen in der Vita des Schweizers. Zuletzt, 2025/26, führte er den ghanaischen Erstligisten Bibiani Gold Stars FC als Cheftrainer zur Vizemeisterschaft. Bei Transfermarkt spricht der 66-Jährige über seine Erfahrungen im internationalen Fußball.
Dass er bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko nicht so recht weiß, wem er die Daumen drücken soll, liegt auf der Hand: In einigen Teilnehmerländern war Schmid bereits aktiv. Der 66-Jährige lächelt, wenn er darüber spricht, und bezieht sich auf eine Aussage, die ihm ans Herz gewachsen ist: „Nelson Mandela hat einmal gesagt, Sport habe die Kraft, die Welt zu verändern und Menschen zu vereinen. Er spreche die Sprache der Jugend, eine universelle Sprache, die jeder versteht. In diesem Sinne sage ich gerne: In dieser universellen Sprache ist der Fußball der meistgesprochene Dialekt.“
Die Jahre im Ausland haben seinen Blick auf den Fußball und auf das Leben grundlegend verändert, wie er verrät: „Als Trainer wirst du durch fremde Kulturen, andere Sprachen und den konstanten Leistungsdruck gezwungen, dich anzupassen. Du lernst, dich auf Neues einzulassen, unter ungewöhnlichen Bedingungen zu arbeiten und gleichzeitig deiner eigenen Überzeugung treu zu bleiben. Gute Arbeit zahlt sich überall auf der Welt in Resultaten aus – und das gibt Sicherheit.“
Die Distanz zur Heimat wiegt durchaus schwer. „Als ‚Farang‘ in Asien oder ‚Obruni‘ in Ghana – also als Fremder – auf sich allein gestellt zu sein, bricht gewohnte Routinen und Gewissheiten auf. Man wird gelassener, entwickelt eine nüchternere Sichtweise auf das Wesentliche und lernt den Wert echter Beziehungen und der eigenen Herkunft auf eine Art zu schätzen, die man in der Komfortzone der Heimat wohl nie als so tief empfinden würde“, konstatiert der in Winterthur geborene Schmid.
Dabei hatte Schmid in der Schweiz alles, was sich ein Trainer wünscht. Während viele Kollegen ihr gesamtes Berufsleben im Heimatland verbringen, entschloss er sich, inmitten einer erfolgreichen Karriere einen radikalen Schnitt zu machen. Bis 2009 hatte er sich einen guten Ruf erarbeitet, als enger Vertrauter von Christian Gross beim FC Basel, der in seiner Ära drei Meisterschaften und drei Cupsiege holte. „Der eigentliche Architekt des Basler Erfolgs war Christian Gross, getragen von einer starken Präsidentin in Person von Gigi (Gisela; Anm. d. Red.) Oeri. Beiden bin ich bis heute dankbar, dass ich diese großartige FCB-Ära miterleben und mitgestalten durfte.“ Den Entschluss, die Komfortzone im Schweizer Fußball zu verlassen, begründet er mit einem tiefsitzenden Antrieb: „Ich habe schon immer den Drang verspürt, meine Grenzen auszuloten. Der Schritt ins Unbekannte fordert Flexibilität und verlangt Mut. Er birgt aber stets auch die Chance, neue Fähigkeiten zu entdecken und über sich hinauszuwachsen.“
Der Weg von Fritz Schmid: Über Österreich nach Malaysia und Neuseeland
2011 folgte Schmid Marcel Koller als Co-Trainer zur österreichischen Nationalmannschaft und erlebte beim ÖFB den Aufstieg zweier Spieler mit internationalem Format: Marko Arnautovic und David Alaba. Dem Nationalteam traut Schmid bei dieser WM einiges zu: „Österreich gehört für mich zu jenen Mannschaften, die für eine Überraschung gut sind – ein günstiger Turnierverlauf und etwas Losglück vorausgesetzt. Marcel Koller hat damals mit seiner klaren Philosophie den Boden bereitet für jenen attraktiven Offensivfußball, der das Team unter Ralf Rangnick heute auszeichnet.“ Was die beiden Ausnahmekönner ausgezeichnet habe? „Alaba und Arnautovic haben schon als junge Spieler eine außerordentliche Spielintelligenz und innere Überzeugung mitgebracht, die sie von anderen unterschied. Beide hatten diesen unbedingten Willen, sich durchzusetzen – und das ist letztlich das, was Spieler zu Legenden macht“, meint der 66-Jährige.
Wirklich fremd wurde die Welt erstmals 2014: Schmid fing als Technischer Direktor beim malaysischen Fußballverband an. Ein Engagement, das über vier Jahre andauern und ihn nachhaltig prägen sollte. Den Anfang beschreibt er als Lehrzeit in Geduld: „Der Start in einem fremden Kulturkreis, in dem man als Außenseiter zwangsläufig kritisch beäugt wird, erfordert Fingerspitzengefühl. Man bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen notwendiger Anpassung und dem Bewahren der eigenen Identität. Sportlich bestand die Herausforderung vor allem in den mäßigen Resultaten der Nationalmannschaft, auf die man als Technischer Direktor keinen unmittelbaren Einfluss hat. Während der Nationaltrainer für sofortige Resultate steht, denkt der Technische Direktor in längeren Zyklen. Solide Trainerausbildung und nachhaltige Nachwuchsentwicklung tragen keine sofortigen Früchte, aber sie sind die einzige Grundlage für dauerhaften Erfolg“, erklärt der Fußballlehrer.
Den Nachhall seiner Arbeit sieht Schmid heute in den Fortschritten, die der malaysische Verband unter seinen Nachfolgern erzielen konnte: in der Trainerausbildung und Nachwuchsentwicklung, aber auch im Frauenfußball. „Ich darf für mich sicher beanspruchen, wesentliche Entwicklungen angestoßen und strukturell in die Wege geleitet zu haben. Dass diese Arbeit weitergeführt und ausgebaut wurde, ist letztlich ein schönes Zeugnis für ihre Nachhaltigkeit“, so Schmid.
Fritz Schmid spricht über Ex-Bayern-Talent Sarpreet Singh
2018 verschlug es ihn nach Ozeanien, wo er die neuseeländische A-Nationalmannschaft und das U23-Team betreute. Seine Aufgaben: eine Verjüngungskur, neue Spielphilosophie und ein Generationswechsel. Weg vom physisch geprägten Kick-and-Rush-Fußball der Region, hin zu einem kontrollierten, ballbesitzorientierten Stil mit europäischer Handschrift. Unter Schmid debütierten Spieler wie Liberato Cacace, die Torhüter Michael Woud und Max Crocombe sowie Sarpreet Singh, der später den Sprung zum FC Bayern München schaffte. „Sarpreet zeichnete sich schon früh bei Wellington Phoenix in der A-League aus. Ein wendiger Linksfuß mit ausgeprägter Technik, hoher Spielintelligenz und der Fähigkeit, zwischen den Linien kreativ zu kombinieren und zu dribbeln. Dass Bayern München nach seinen Leistungen bei der U-20-WM in Polen auf ihn aufmerksam wurde, war für Kenner seiner Entwicklung keine Überraschung mehr“, schildert Schmid seine Eindrücke. Die All Whites gehen laut Schmid als klarer Außenseiter ins Turnier. In einer Gruppe mit Iran (das Aufeinandertreffen endete 2:2), Ägypten und Favorit Belgien gestalte sich ein Weiterkommen schwierig – „aber das primäre und realistische Ziel dürfte der erste WM-Sieg der Geschichte sein. Eine Achtelfinal-Qualifikation wäre dann tatsächlich eine kleine Sensation.“

Vom ozeanischen Kontinent führte Schmids Weg mit einem kurzen Zwischenstopp in der Nachwuchsabteilung des GC Zürich nach Afrika: 2022 übernahm Schmid die Kotoku Royals FC und führte den Klub zum historischen Aufstieg von der Division 1 in die Ghana Premier League. In der Saison 2025/26 übernahm er den Bibiani Gold Stars FC und verfehlte als Vize am Ende nur hauchdünn den Meistertitel. Was ihn in Ghana sofort packte, war die Art, wie Fußball dort gelebt wird. „Die tiefe Verwurzelung des Fußballs in der ghanaischen Gesellschaft zeigt sich vor allem darin, wie eng sportliche Ereignisse mit religiösen Ritualen verschmolzen sind. Regierung und religiöse Führer rufen dazu auf, für den Erfolg der Black Stars zu beten. Auch in den Vereinen gehören Gebete und Gesänge zum festen Bestandteil des Alltags. Vor und nach jedem Training, vor jedem Spiel fassen sich alle im Kreis an den Händen, Spieler und Betreuer sprechen die Gebete – für Christen wie für Muslime gleichermaßen. Das ist keine Inszenierung, das ist gelebte Kultur“, konstatiert Schmid.
Die Chancen der ghanaischen Nationalmannschaft schätzt Schmid wie folgt ein: „In der Gruppe mit England, Kroatien und Panama (1:0-Sieg zum Auftakt; d. Red.) gelten die Black Stars zwar als Außenseiter, haben aber die Qualität, die K.-o.-Runde zu erreichen. Vorausgesetzt, das Team blendet die mediale Unruhe im Umfeld schnell aus und Carlos Queiroz gelingt es, dem Kader trotz kurzer Vorbereitungszeit eine klare Handschrift zu verleihen. Er muss auf einige Leistungsträger verzichten, die individuelle Klasse im Kader reicht jedoch aus, den einen oder anderen Favoriten zu überraschen.“
Ein Detail im WM-Aufgebot fällt auf: Mit Benjamin Asare von den Hearts of Oak schaffte es nur ein einziger Spieler aus der heimischen Ghana Premier League in den Kader. Eine Bankrotterklärung? Sieht Schmid nicht so. „Historisch war die Quote heimischer Ligaspieler im Nationalkader stets gering. Die Diskrepanz zu den internationalen Ligen ist offensichtlich, sie erklärt sich vor allem dadurch, dass die besten Talente bereits früh ins Ausland wechseln, was den lokalen Wettbewerb nachhaltig schwächt. Das Tempo und die taktische Ausbildung in europäischen Ligen sind schlicht reifer. Das ist weniger eine Bankrotterklärung als ein strukturelles Problem, das auch viele andere aufstrebende Fußballnationen kennen.“
Die Erweiterung des WM-Teilnehmerfeldes betrachtet der Routinier mit gemischten Gefühlen: „Bei 48 Teilnehmern und 104 Spielen besteht eine reale Gefahr der sportlichen Verwässerung. Zudem steigt die körperliche Belastung für Spieler, die in ihren Klubs ohnehin immer mehr Partien bestreiten, auf ein bedenkliches Maß – die klimatischen Bedingungen in den Ausrichtungsorten noch nicht eingerechnet. Es bleibt abzuwarten, ob sich das von der FIFA propagierte Prinzip der Inklusion tatsächlich langfristig in einer nachhaltigen Entwicklung des Fußballs in den entsprechenden Ländern niederschlägt – oder ob die kleineren Nationen als krasse Außenseiter lediglich Staffage (dekoratives Beiwerk; d. Red.) für das große Spektakel bleiben“, beurteilt Schmid, der den Fußball mit all seinen Kulturen und Dialekten immer noch für die schönste Sprache der Welt hält.
Von Henrik Stadnischenko
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