Diskussionsrunde

Die plötzliche Krise der falschen 9

28.02.2013 - 14:33 Uhr
Noch gestern, so würde vielleicht die Süddeutsche Zeitung heute schreiben, wurde die innovative taktische Idee der sogenannten "Falschen 9", also dem Spiel ohne klassischen Mittelstürmer, so wie es der FC Barcelona seit der Saison 2010/2011 regelmäßig praktiziert, landauf, landab in den höchsten Tönen gelobt. Dies sei, so hieß es von überall her, modernes und zukunftsgewandtes Spiel. Der Trend griff über - bei der letztjährigen Europameisterschaft in Polen und der Ukraine stellte der spanische Nationaltrainer Vincente del Bosque Francesc Fàbregas ins Strumzentrum, und lies Fernando Torres, noch im Finale der vorherigen Europameisterschaft gefeierter Siegtorschütze, meist auf der Bank schmoren. Da wollte Joachim Löw nicht lange fackeln (die Spanier seien ja das Nonplusultra im Weltnationalmannschaftsfußball) und kokettierte öffentlich mit der Idee Marco Reus oder Mario Götze für die standesgemäßen Startplatzanwärter Miroslav Klose/Mario Gómez auflaufen zu lassen. Beim letzten Länderspiel, das erst Anfang Februar gegen Frankreich 2:1 gewonnen wurde, beorderte Löw kurz nach der Halbzeitpause beim Stand von 1:1 einen gewissen Mesut Özil an die vorderste Front. Das Experiment gelang, ARD-Kommentator Scholl und insbesondere Joachim Löw feierten die (eigene) Idee in der öffentlich-rechtlichen Analyse fast schon ein wenig zu ausgiebig. Im Zuge der andauernden Spekulationen um einen Transfer von Robert Lewandowski spekuliert auch der Dortmunder Anhang über ein barceloneskes Angriffskonzept, als interne und kostensparende Lösung im Falle eines vorzeitigen Wechsels des polnischen Torjägers.

All das ist nun plötzlich seit gestern Nacht Makulatur. Barcelona verliert im eigenen Stadion sang- und klanglos, aber vor allem uninspiriert und kraftlos gegen ein kämpferisches, hochmotiviertes Real Madrid. Messi trabt irgendwo im Nirgendwo lustlos zwischen einer ständigen Überzahl weißer Riesen umher, kein Pass will so Recht gelingen, kein Dribbling glücken, und als die Katalanen nach dem 0:2 in dringenstem Zugzwang sind – gelingt noch weniger. Bis zum Ende erspielte sich der amtierende Pokalsieger bis auf das (glückliche) Tor von Jordi Alba, keine echte Torchance mehr. Recht ähnlich verlief letzte Woche auch das Auswärtsspiel beim radikalverjüngten AC Mailand. Der große Favorit auf den Titel droht nach desolater Vorstellung bereits im Achtelfinale der Champions League die Segel zu streichen. Auch hier lief man zunächst einem 0:1 hinterher, kreierte keine wirkliche Gefahr vor dem Tor der Italiener, und fing sich konsequenterweise kurz vor Schluss, nach einem Ballverlust am gegnerischen Sechzehnmeterraum, auch noch das 0:2 ein.

Viele Kommentare in den einschlägigen Foren weisen nun darauf hin, dass es dem lange unangefochten besten Team der Welt möglicherweise doch an einer Alternative zum ballverliebten Tiki-taka-Stil fehlt. Wenn man gegen einen defensiv stehenden Gegner früh in Rückstand gerät, bzw. in einem Rückspiel unbedingt treffen und gewinnen muss, ist man meist zwangsläufig im Ballbesitz – es fehlen lediglich die offenen Räume um den Ball vor das Tor zu bekommen. In den letzten Spielminuten fliegen manchmal ein paar hilflose Flanken vor den Elfmeterpunkt, aber man kann ja schlecht von den kleinen Messi, Villa oder Iniesta fordern diese Hereingaben zu verwerten. Auch Distanzschüsse sind in dieser Konstellation kaum möglich, da das Feld von eigenen und gegnerischen Spielern zugestellt ist. Als Bayern München während der ersten Saison unter Louis van Gaal immer wieder einem Rückstand hinterherlaufen musste, oder ein Remis in einen Sieg umbiegen wollte beorderte der holländische Trainer-Coach immer wieder den bulligen, hochgewachsenen Daniel van Buyten in den Sturm, einen Riesen der hohe Bälle an Mitspieler weiterleiten oder direkt ins Tor bugsieren konnte. Zudem standen im Sturm auch noch Klose und Gómez zur Verfügung. Diese letzte, brachiale Option, mit gutenglischen hohen Bällen in den letzten Minuten ein gewünschtes Ergebnis zu erzwingen steht im Schönspielmekka von Barcelona nicht auf der Agenda. Man mag zurecht am ästhetischen Wert dieses taktischen Mittels zweifeln, aber sollte sich, gerade auch als Culé, als fanatischer Barça-Anhänger, fragen, ob man auf diese Weise in den letzen Jahren einige große Titel fahrlässig verspielt hat – als Beispiele mögen die jeweiligen Halbfinalniederlagen gegen Inter Mailand (2009/2010) und Chelsea London (2011/2012) dienen. Die Katalanen waren jeweils über 180 Minuten, grade auch in den Rückspielen im heimischen Camp Nou mit früher Überzahl, die dominierende Mannschaft, die aber aus zahlreichen Chancen zu wenig Zählbares erwirtschaften konnte.

Mario Gómez ick hör dir trapsen...

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meine Fünferkette: Mozart, Chopin, Beethoven, Wagner, Schostakowitsch
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