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Bellinghams Nacht der Träume: Mamas Tipps, Kabel-Eklat und Tuchels TV-Wut – „Schlampig“
©IMAGO
Thomas Tuchel war schwer gereizt. Die Reporter-Frage nach angeblich fehlender Mentalität bei seinen Engländern brachte den deutschen Trainer mächtig in Rage. „Mentalität? Das ist pure Mentalität! Wie können Sie jetzt nach Mentalität fragen? Das ist pure Mentalität. Es geht nicht um Mentalität! Es ist kein Mentalitätsproblem“, konterte Tuchel kurz nach dem 2:1-Sieg der Three Lions nach Verlängerung im WM-Viertelfinale gegen Norwegen am TV-Mikrofon.
Und dann ließ Tuchel einen denkwürdigen Spruch folgen: „Das ist pure Mentalität! Das kannst du in Flaschen abfüllen und verkaufen! Warum soll es an der Mentalität liegen? Es liegt an der Qualität unseres Spiels. Das hat mit Mentalität nichts zu tun.“ Zuvor hatte der frühere Bundesliga-Trainer eingeräumt, dass die Engländer sich das Leben gegen das WM-Überraschungsteam aus Norwegen selbst schwer gemacht hätten. „Schlampig, mit vielen technischen Fehlern, nicht schnell genug, nicht repetitiv genug. Wir hatten heute Glück“, bekannte der 52-Jährige. Im WM-Halbfinale treffen die Engländer am Mittwoch auf Titelverteidiger Argentinien.
Bellinghams Nacht der Träume
Ein Kamerakabel, Bellinghams Doppelpack und ein emotionales Team – Englands WM-Traum lebt. Mama Bellingham lag ihrem Sohn Jude schon die ganze Woche lang in den Ohren. „Pass auf, was du sagst. Pass bei den Grätschen auf. Achte auf deine Emotionen“, sagte Englands Matchwinner über die Tipps von Denise Bellingham. Ihr Sohn sollte im WM-Viertelfinale gegen Norwegen auf keinen Fall seine zweite Gelbe Karte und damit eine Sperre kassieren. Der Ex-Dortmunder gehorchte, traf doppelt und schoss England beim 2:1 in einem von Hitze und einem Kamerakabel geprägten Kampfspiel nach Verlängerung weiter. Die englischen Fans in Miami lagen sich beim Gassenhauer „Hey Jude“ in den Armen, die verbliebenen Beatles höchstselbst feierten den Helden der Three Lions via Instagram.
Alles fiebert nun auf das Halbfinale gegen Titelverteidiger Argentinien in Atlanta hin. Zwei Siege fehlen den Engländern noch zum zweiten Titel nach 1966. Die gute Nachricht: Bellingham darf sich da eine Gelbe Karte leisten, nach dem Viertelfinale werden gemäß den Regeln alle Verwarnungen gelöscht. Bellinghams Selbstvertrauen ist alles andere als klein, doch was an diesem schwülen Abend unweit der Everglades geschah, war selbst für den 23-Jährigen schwer zu begreifen. „Das übertrifft meine kühnsten Träume“, sagte Bellingham. „Ich meine, du gehst ja nicht abends ins Bett und träumst von solchen Spielen.“
Und doch war da viel Reales und auch Surreales vor den Augen von Sir David Beckham im Football-Stadion der Miami Dolphins zu sehen. Da wäre etwa eine Szene vor Bellinghams Tor zum Ausgleich. Nach dem Abstoß von Norwegens Torwart Örjan Nyland wird der Ball von einem gespannten Kamerakabel in der Luft gestoppt, fällt wie ein Stein herunter und gelangt vor die Füße von Anthony Gordon – der daraufhin das Tor einleitet.
Bellingham äußerte sich zu der Szene nicht, er habe es nicht genau gesehen. Der Weltverband FIFA pochte darauf, dass der Chip im Ball keine Berührung aufgezeichnet habe, die Szene also nicht so passiert sein kann. Die Norweger und auch die TV-Aufnahmen lassen einen anderen Rückschluss zu. „Also ich würde eher den Norwegern glauben als der FIFA“, sagte Englands Ex-Nationalspieler Gary Neville. Bellinghams Tor ermöglichte die Verlängerung und ein Patzer von Nyland dort den zweiten Treffer des Stars von Real Madrid. „Das war eine Weltklasse-Leistung von einem Weltklasse-Spieler“, befand Trainer Tuchel.
Für seine Mitspieler hatte Bellingham selbst nur Lob. „Sie sind Krieger“, sagte der Offensivspieler. Nicht einmal Norwegens Führung durch ein Traumtor von Andreas Schjelderup warf die Mannschaft aus der Bahn. Auch Torwart Jordan Pickford, der bei der sich zum Schuss entwickelten Flanke unglücklich aussah, fing sich wieder. Direkt am Abend ging es zurück ins Teamcamp nach Kansas City. Gefeiert wurde laut Bellingham mit Eisbädern und Regenerations-Getränken. Zweimal will England noch feiern, dann ist man nach 60 Jahren Schmerz endlich am Ziel. „Jeder hier ist bereit für die nächsten acht Tagen. Dieser Sieg hilft uns wahnsinnig“, betonte Tuchel.
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